(13. September 2026, Pfarrer Ingo Meißner, Evangelische Kirche Steinen)
Einleitung
Es geht heute um Zwingli. Im Theologiestudium hatte ich von dem Schweizer Reformator natürlich gehört. Aber es ging im Schwerpunkt doch immer um Luther und seine entsprechenden Auswirkungen in Deutschland.
Der außerdeutsche Raum wurde wenig bis gar nicht beleuchtet.
Dabei gab es neben Luther zeitgleich verschiedene Personen, die im reformatorischen Sinn wirkten und teils ähnliche Positionen vertraten. Eben Zwingli, dann sein Nachfolger Heinrich Bullinger in Zürich, der der Schweizer Reformation in der Deutschschweiz zum Durchbruch verhalf. Oder ein paar Jahre später der französische Theologe Johannes Calvin, der ab ca. 1530 in Genf lebte, den Stadtstaat prägte und auch darüber hinaus eine starke Wirkung entfaltete. Auf seine Theologie gehen die reformierten Kirchen weltweit zurück, die heute schätzungsweise über 80 Millionen Gläubige umfassen.
Konkret kam ich dann über meine Pastorenstelle in Pfäffikon mit Zwingli und seiner Geschichte in Berührung. Meine damalige Gemeinde zählt sich zum Bund der Täufergemeinden und sieht sich in gewisser Weise mit den Täufern verbunden, die damals zur Zeit Zwinglis aufkamen.
Täufer waren diejenigen, die die in der Landeskirche übliche Kindertaufe ablehnten und nur die Erwachsenentaufe als gültige und biblisch richtige Taufe ansahen. Sie wurden damals zu einer verfolgten religiösen Gruppe, deren Anführer und viele andere auch durch Betreiben oder Duldung Zwinglis zu Tode kamen.
Ein sehr schwieriges Kapitel von Zwinglis Wirken. Doch dazu später etwas mehr.
Vor etlichen Jahren kam es übrigens zwischen den Spät-Nachfolgern der alten Täufer, hier vor allem den Mennoniten, aber auch anderen täuferischen Gemeindeverbänden, und der Reformierten Schweizer Kirche zu einer Aufarbeitung und einer Bitte um Vergebung für damals geschehenes Unrecht. Die Situation hat insofern ein versöhntes Ende gefunden, wenngleich es leider etliche Jahrhunderte bis zu dieser Klärung brauchte.
Ein Lied aus Zwinglis Zeit
Um nun etwas die Zeit zu spüren, wie es damals musikalisch und geistlich zuging, singen wir ein Lied aus dieser Zeit.
Zwingli, um den es heute ja im Besonderen geht, war sehr musikalisch, sang gerne und spielte verschiedene Musikinstrumente. Was liegt da näher, als dass er auch Kirchenlieder schrieb, so wie sein Theologenkollege Luther?
Dass er ein schwieriges Verhältnis zu Musik und Gottesdienst hatte, dazu später mehr.
Doch immerhin: Ein geistliches Lied von ihm hat es in das deutsche Gesangbuch geschafft. Es ist die Nummer 242 und heißt dort:
„Herr, nun selbst den Wagen halt!“
Zwingli verfasste und vertonte dieses Lied um 1525 in einer Phase politischer und religiöser Unruhen. Die Anfangsworte der drei Strophen ergeben eine Bitte:
> Herr
> Gott
> hilf
Woraus? Natürlich aus der damaligen Not.
Wir singen nun die altertümlichen Worte, in denen um Gottes Eingreifen in den rollenden Wagen der Geschichte und um Bewahrung vor dem Wirken des Teufels gebeten wird.
Wer war Zwingli?
Er wurde als Ulrich Zwingli am 1. Januar 1484 in Wildhaus, ca. 50 Kilometer südlich von St. Gallen, in der heutigen Schweiz geboren.
Unzufrieden mit dem eher theologisch wenig aussagekräftigen Namen benannte er sich später selbst in „Huldreich“ um. Oder auf Schweizerdeutsch: „Hyldrich“. Also theologisch sehr gehaltvoll und immer noch ähnlich klingend wie Ulrich.
Diese Umbenennungen waren damals in Gelehrten- und Theologenkreisen durchaus üblich. Das kennen wir auch von Luthers Weggefährten Philipp Schwarzerd, der seinen Namen später ins Griechische übertrug und als Philipp Melanchthon in die Geschichte einging.
Zwingli studierte später in Wien und Basel zunächst allgemeine Wissenschaften, dann noch ein halbes Jahr Theologie. So eine Art geistlicher Crashkurs, aber kein volles Theologiestudium. Doch das schien damals zu reichen, damit man als Pfarrer arbeiten konnte.
Zwingli in Glarus
1506 wird Zwingli Pfarrer im Kanton Glarus.
Damals war es in der Eidgenossenschaft üblich, dass ein Ort Soldaten gegen Gebühr als Söldner auslieh. Also Kämpfer, die von Landesherren gegen Geld zum Kampf vermietet wurden. Es war eine Art mittelalterlicher Menschenhandel.
Glarus stellte seine Soldaten damals dem päpstlichen Heer zur Verfügung. 1513 begleitet Zwingli als Feldprediger 500 Glarner Soldaten in den Krieg.
Die Kriegserfahrungen sind ein Grund dafür, dass Zwingli am Söldnerwesen zu zweifeln beginnt und später in seiner Zürcher Zeit vehement dagegen auftritt.
Einsiedeln und die reformatorische Wende
1516 wechselt Zwingli nach Einsiedeln.
In dieser Zeit vertieft Zwingli seine theologischen Studien und bringt sich selbst Griechisch bei. Er ist in gewissem Sinn Autodidakt, also einer, der sich Dinge selbst beibringt.
In diesen Jahren erfolgt bei ihm der Durchbruch zur reformatorischen Erkenntnis. Er hat sicherlich von der reformatorischen Bewegung um Luther gehört, aber anscheinend war er davon am Anfang weniger beeinflusst.
Denn in seiner reformatorischen Grunderkenntnis ging es nicht um den gnädigen Gott, sondern eher darum, dass die Bibel die einzige Autorität in Glaubensfragen sein soll und nicht die Tradition der Kirche.
Allein die Heilige Schrift bringt dem Menschen das Evangelium. Nur durch sie erfahren wir, was in der Kirche und für den Glauben gelten soll.
Also sola scriptura, allein die Schrift, wie wir es von Luther her auch kennen.
Erst in späteren Jahren verbindet Zwingli diesen Grundansatz mit Luthers Rechtfertigungslehre.
Zürich und der Beginn der Reformation
1519 wird Zwingli als Stadtpfarrer nach Zürich berufen.
Er beginnt sehr schnell, die damals übliche Predigtordnung nach Kirchenjahr und entsprechenden Predigttexten über den Haufen zu werfen, weil dies mit Kirchenjahr und so nicht in der Bibel zu finden ist.
Er sagt:
Die Bibel ist das Wichtigste.
Sie gilt es zu predigen. Und zwar fortlaufend, Vers für Vers und Buch für Buch, und nicht so, wie es sich Menschen aussuchen.
Auch soll die Bibel auf Deutsch gelesen werden und nicht, wie damals üblich, auf Latein, damit die Zuhörer selbst hören und verstehen können, was Gott in der Bibel sagt.
Zwingli wendet sich in seinen Predigten jetzt ganz bewusst gegen das Söldnertum, also diese Art von Menschenhandel.
Zürich wurde damals vom sogenannten Hohen Rat regiert. Ein politisches Gremium, vergleichbar mit einem Stadt- oder Gemeinderat heute.
Die katholische Kirche mit all ihrer Einflussnahme bis hinein ins Politische und mit dem Anspruch des Papstes, bis ins Leben der Menschen hineinzuwirken und Abgaben und eben auch Söldner einzufordern, war dem Hohen Rat sicherlich ein Dorn im Auge.
Da kam ihm sein Angestellter Zwingli gerade recht mit seinen zunehmend romkritischen Predigten und Verlautbarungen.
Dass sich Zwingli vehement gegen Rom und dessen Diktat wendet, wird vom Rat begrüßt. Der Rat unterstützt ihn und seine Ideen zunehmend.
Sicherlich geholfen hat auch, dass Zwingli dem Hohen Rat die Entscheidung in geistlichen Fragen zugestand. Also weltlichen Politikern.
Hier unterscheidet er sich wesentlich von Luther, der Staat und Kirche zwar aufeinander bezogen, aber im Grundsatz deutlich voneinander unterschieden hat und keine Vermischung wollte, weil er diese in negativer Weise zu häufig erlebt hatte.
Zum Beispiel waren Bischöfe auch als politische Führer tätig oder politische Führer übernahmen kirchliche Funktionen. Kirche und Staat wurden miteinander vermengt, in der Regel zum wirtschaftlichen Vorteil des Machthabenden.
Zwingli gelingt es, dass das Söldnertum vom Rat Zürichs 1522 verboten wird.
Das Fastenbrechen von Zürich
1522 ist überhaupt ein für die Reformation entscheidendes Jahr in Zürich.
Der Buchdrucker Christoph Froschauer hatte angeboten, Zwinglis Predigten zu drucken und unters Volk zu bringen. So entstand eine enge Freundschaft. Zwingli, Froschauer und deren Freunde verbrachten viel Zeit beim Feiern und Diskutieren.
In der Fastenzeit, der Zeit vor Ostern, kam es dann zu einem Eklat.
Eigentlich war der Fleischgenuss kirchlich verboten. Doch demonstrativ aßen Froschauer und seine Weggefährten Wurst. Zwingli war dabei, hat sich daran wohl nicht beteiligt, es aber geduldet. Es wäre politisch wohl unklug gewesen, selbst davon zu essen.
Doch er stand voll hinter dem Fastenbrechen. Schließlich handelte es sich um kirchliche und nicht um göttliche Gebote.
Im April 1522 veröffentlicht Zwingli dann auch seine Schrift „Die freie Wahl der Speisen“.
Darin vertritt Zwingli ein evangelisches Freiheitsverständnis: Von allen menschlichen Geboten und Ordnungen sind die Christenmenschen freigestellt. Ihnen ist nicht unbedingter Gehorsam zu leisten.
Weil das Fastengebot keine Autorität der Bibel hinter sich hat, muss man ihm keine Folge leisten. Gleichzeitig müssen Christenmenschen ihre Erkenntnis nicht jederzeit durchsetzen, sondern können auch auf ihre Freiheit verzichten.
Klingt irgendwie ganz nach Luther und seiner Schrift „Vom unfreien Willen“.
Zwingli kritisiert zunehmend den Reichtum der Kirche und möchte viel lieber die Armenfürsorge stärken, so wie sich auch Jesus den Armen zuwandte.
Er kritisiert das geistliche Umsichselbstdrehen der Nonnen und Mönche in ihren Klöstern und tritt immer mehr für deren Schließung bzw. staatliche Enteignung ein, damit mit dem Geld ganz im Geiste Jesu Besseres getan werden kann.
Auch das Zölibat, also das Verbot für Priester zu heiraten, prangert er zunehmend als unbiblisch an und tritt für die Heirat von Priestern ein.
Dies alles geschieht immer unter dem Schutz des Hohen Rates von Zürich.
Die Zürcher Disputation
Nun ist die Autorität der römisch-katholischen Kirche in Zürich endgültig infrage gestellt.
Es kommt zum Protest der Katholiken wegen Zwinglis Lehren und deren Auswirkungen. Dem Hohen Rat wird es jetzt auch etwas mulmig.
Der Rat Zürichs lädt deshalb 1523 zu einer Disputation ein, um zu klären, wie es weitergehen soll. Auch Vertreter der römisch-katholischen Kirche werden eingeladen.
Das Ergebnis der Disputation ist deutlich: Alle sollen in Zukunft in Zürich nur noch auf der Grundlage der Bibel predigen.
Zwingli führt die sogenannte „Prophezei“ ein, eine Art Bibelschule mit wöchentlichen Bibelauslegungen. Dies wird zur Pflichtveranstaltung für alle Zürcher Pfarrer und steht auch anderen Interessierten offen.
Hier wird auch an einer neuen deutschen Bibelübersetzung gearbeitet, die 1525 abgeschlossen wird. Ca. fünf Jahre, bevor Luther in Deutschland mit der Übersetzung auch des Alten Testaments fertig wurde.
In der Stadt Zürich setzt sich die Reformation auch im Alltag immer mehr durch: Viele Priester heiraten, die Klöster leeren sich oder werden geschlossen, die Gottesdienstordnung wird verändert und vereinfacht. Auch werden Bilder aus den Kirchen entfernt.
Zwingli heiratet 1524 Anna Reinhart. Beide haben vier Kinder.
Der Konflikt zwischen den Kantonen
Zwar hatte sich die Reformation neben Zürich auch in anderen Orten wie St. Gallen, Schaffhausen, Bern und Basel durchsetzen können. Aber in anderen Orten, heute Kantone genannt, war das nicht der Fall.
Der Konflikt zwischen den evangelischen und katholischen Orten wird politisch brisant und schließlich sogar mit kriegerischen Mitteln ausgefochten.
Im sogenannten Zweiten Kappeler Krieg vor den Toren Zürichs ist Zürich den katholischen Innerschweizern unterlegen.
Zwingli zieht für die aus seiner Sicht gerechte evangelische Sache mit in den Krieg. Am 11. Oktober 1531 fallen 500 Zürcher, darunter auch Zwingli.
So endet sein Leben gewaltsam im Kampf für den evangelischen, streng bibelbezogenen Glauben.
Auf vier Themen möchte ich noch etwas eingehen.
Zwingli und die Bibel
Zwingli kam ähnlich wie Luther zu der Erkenntnis „Sola Scriptura“: Allein die Heilige Schrift darf Maßstab und Richtschnur für das Leben als Christ sein.
Und: Nur das, was in der Bibel bezeugt ist, gilt es umzusetzen. Was nicht erwähnt wird, darf nicht zu einem religiösen Gesetz gemacht werden.
Zum Beispiel hat sich Jesus den Armen und Ausgestoßenen zugewandt. Er war selbst arm. Dies heißt, dass dies auch eine Aufgabe für die Christen und die Kirche heute ist.
Die Kirche muss sich, statt nur den eigenen Reichtum zu mehren, den Armen zuwenden und damit dem Beispiel Jesu folgen.
Das hieß dann aber auch im Umkehrschluss: Viele kirchliche Gesetze und Ordnungen, auch die Ordnung des Gottesdienstes mit Liturgie, Musik und Gesängen, waren erst im Laufe der Zeit entwickelt worden und standen so nicht in der Bibel. Deswegen sollten sie auch nicht mehr gelten.
Und: nicht nur reden und dann nicht tun. Predigen und danach handeln müssen zusammengehen. Sonst wird die Kirche unglaubwürdig.
Wer, wie damals wohl üblich, dem armen Volk Wasser predigte, aber selbst Wein trank, macht Gott zum Gespött und wertet Menschen ab. Dies soll nicht sein.
Rede, was du tust, und tue, was du redest.
Auch heute noch ein höchst aktueller theologischer Ansatz!
Die Bibel war Zwingli außerdem so wichtig, dass alle sie lesen können sollten. Deswegen wurde die Bibelübersetzung mit Hochdruck verfolgt.
Die sogenannte Zürcher Übersetzung gibt es immer noch. Sie ist die Hauptübersetzung der heutigen Schweizer Reformierten Landeskirche.
Aus der Hochachtung der Bibel und ihrer Inhalte folgten verschiedene Dinge, die zunehmend zu Konflikten führten.
Zwingli, die Kirchenmusik und der Kirchenschmuck
Zwingli war, man höre und staune, gegen Kirchenmusik und Gesang im Gottesdienst.
Und das, obwohl Zwingli selbst gerne sang und musikalisch war. Aber er fand es so nicht in der Bibel.
Also wurden Orgeln entfernt, und es durfte weder gesungen noch anderweitig Musik gemacht werden. Nur das gesprochene Wort, und zwar auf Deutsch, sollte erklingen!
Er war überhaupt gegen allen Schmuck im Gottesdienst. Keine Bilder, keine Statuen von Heiligen mehr. Nichts Buntes.
Alles musste raus, was vom gesprochenen Wort ablenken könnte. Übrig blieb eine fast leere Kirche. Ähnlich übrigens bei Luther.
Bis heute zeichnen sich evangelische Kirchen durch ihre Kargheit aus: Kanzel, Altar, Kreuz und Taufstein. Das muss ausreichen.
Zwingli und Luther
Ach ja: Zwingli und Luther.
Zwingli hat viele reformatorische Ideen Luthers übernommen. Nicht jedoch dessen Lehre vom Abendmahl.
Luther beharrt darauf, dass in den Elementen von Brot und Wein bei der Abendmahlshandlung Christus wirklich gegenwärtig ist. Christus ist „in, mit und unter“ Brot und Wein wirklich da.
Im Abendmahl spricht uns Jesus wirklich zu:
Dir ist vergeben.
Grundlage für Luther sind die Einsetzungsworte Jesu, nach denen es heißt:
Dies ist mein Leib.
Beziehungsweise:
Dies ist mein Blut.
Zwingli hingegen versteht diese Aussagen im Sinne von: „Das bedeutet“.
Das Abendmahl ist für Zwingli eine reine Gedächtnisfeier. Brot und Wein sind nur Zeichen oder Symbole.
Der Leib Christi ist im Himmel und kann nicht gleichzeitig an vielen Orten auf der Erde sein und schon gar nicht in Brot und Wein stecken.
Die Feier des Abendmahls erinnert somit lediglich an den Tod Christi, stärkt aber sehr wohl die Gemeinschaft der Gläubigen untereinander.
Luther und Zwingli konnten sich nicht verständigen. Es kam zur dauerhaften Kirchenspaltung, zur Trennung zwischen der lutherischen Kirche und der reformierten Kirche.
Erst Jahrhunderte später wurde zumindest in Deutschland eine Vereinigung der reformierten und der lutherischen Gemeinden möglich.
Die sogenannten vereinigten, lateinisch „unierten“, Kirchen entstanden. Die meisten deutschen Landeskirchen, auch unsere badische Landeskirche, sind Kirchen der Union.
Zwingli und die Täufer
Und schließlich noch das Thema Zwingli und die Täufer.
In Zürich entwickelte sich aus Zwinglis Freundeskreis und Gefolgschaft eine neue Gruppe, die die Reformation radikaler als Zwingli durchsetzen wollte.
Dazu gehörte unter anderem die Nichtanerkennung und Nichtdurchführung der Kindertaufe, weshalb die Angehörigen dieser Gruppe „Täufer“ bzw. „Wiedertäufer“ genannt wurden.
Im Mittelpunkt stand das Ideal einer reinen Gemeinde von Glaubenden.
Zwingli stand dem zunächst nicht kritisch gegenüber. Doch dem Hohen Rat wurde das jetzt doch zu viel an Reformen.
Die Kindertaufe und der Eintritt in die Kirche waren nämlich zugleich der Nachweis über das Taufregister, dass hier neue Stadtbürger als Zürcher Staatsbürger heranreiften.
Die Taufe war also gleichzeitig der Eintritt in die Stadtbevölkerung.
Würden die Säuglinge jetzt nicht mehr getauft, verlöre der Staat eine Kontrollmöglichkeit über die späteren Bürger der Stadt. Wehrfähige und steuerzahlende Bürger könnten nicht mehr wirksam erfasst werden.
So ging der Rat nun gewaltsam gegen die Wiedertäufer vor. Zwingli gab klein bei und schlug sich auf die Seite des Hohen Rates.
Die Wiedertäufer wurden vielfach gefangen genommen, verurteilt, hingerichtet oder aus der Stadt verbannt.
Dies war das wohl dunkelste Kapitel der Reformation Zwinglis.
Zwinglis Nachfolger
Mit Zwinglis Tod ist die reformatorische Bewegung in der Eidgenossenschaft jedoch nicht zu Ende. Sie geht vielmehr weiter und formt sich weiter aus.
Nachfolger Zwinglis in Zürich wird für mehr als vierzig Jahre Heinrich Bullinger, ein Freund und Kollege.
Er knüpft zahlreiche internationale Kontakte und sorgt für soziale und kirchliche Reformen.
Auch in anderen Schweizer Städten wirken wichtige Reformatoren ganz im Sinne Zwinglis. Dies und die Einflüsse Calvins prägen auch heute noch vielfach die reformierten Kirchen weltweit.
Was bleibt heute von Zwingli?
Was bleibt heute noch von Zwingli? Was ist seine Wirkung?
Da ist vor allem die Zürcher Bibel. Sie ist noch heute die Standardübersetzung der Reformierten Kirche der Schweiz.
Da ist die Hochachtung der Bibel und die Überzeugung, dass man aus ihr lernen kann, wie Jesus sich ein Leben mit ihm vorgestellt hat.
Da ist das Predigen und auch das Tun dessen, was man predigt.
Da sind die wortorientierten Gottesdienste mit reduzierter Liturgie, ohne große Wechselgesänge zwischen Pfarrer und Gemeinde.
Die Musik war anfangs zwar verbannt, hielt aber etliche Jahrzehnte nach Zwinglis Tod doch wieder Einzug in den Gottesdienst.
Da sind die sehr nüchternen, ja vielleicht auch „kahlen“ und schmucklosen Kirchen, die man beim Besuch von Gotteshäusern in der Schweiz erlebt.
Und da ist das symbolische Verständnis des Abendmahls als bloße Erinnerung an damals und die Betonung des Abendmahls als Gemeinschaftsmahl.
Dieses Verständnis hat sich heute vor allem in Freikirchen durchgesetzt, aber auch vielfach bei anderen Christen, die sich nicht vorstellen können, wie Christus in Brot und Wein wirklich leiblich gegenwärtig sein soll.
Schluss
Zwingli: eine eindrückliche Persönlichkeit. Christusorientiert, bibelorientiert, aber auch mit teils schwieriger theologischer Schlagseite.
Doch wenn es um die Hochachtung der Bibel, die klare Ausrichtung an dem, was Jesus Christus getan und gesagt hat, und sein radikales Eintreten für Christus auch gegen große Widerstände geht, können wir ihn uns auch heute noch zum Vorbild nehmen.
Und vielleicht braucht es wieder einmal einen solchen Zwingli in der heutigen Landeskirche, der Dinge infrage stellt, damit wir als Kirche wieder mehr vom Kopf auf die Beine kommen.
Auf die Beine Jesu.
Dem wahren und hoffentlich einzigen Fundament unseres Glaubens.
Amen.