Ich habe heute wieder etwas mitgebracht. Sie kennen das ja schon. Fast jedes Mal bringe ich irgendetwas mit. Und diesmal gehört auch ein Bibelvers dazu.
Der Vers lautet:
„Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist Gottes geboren ist.“
Von was ist die Rede?
Natürlich vom Wind.
Und genau deshalb habe ich einen Windsack mitgebracht.
Heute soll es um den Wind gehen. Aber nicht nur um den Wind. Es soll vor allem um den Heiligen Geist gehen.
Immer dann, wenn etwas nicht sichtbar ist, seine Auswirkungen aber deutlich spürbar sind, greifen wir zu Bildern, um darüber zu sprechen. So ist es auch mit dem Heiligen Geist.
Für mich gibt es kaum ein passenderes Bild als den Wind.
Man sieht ihn nicht.
Aber man spürt, was er bewirkt.
Ganz ähnlich beschreibt die Bibel den Heiligen Geist.
Und gleich zu Beginn unseres Predigttextes hören wir die bekannten Worte:
„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“
Ist das wirklich so?
Hat Gott uns tatsächlich diesen Geist gegeben?
Dann müsste sich das doch auch in unserem Leben zeigen.
Zu Beginn möchte ich Ihnen von Martin Luther King erzählen.
Eines Nachts saß er verzweifelt an seinem Küchentisch.
Er war erschöpft.
Bedroht.
Mutlos.
Der große Bürgerrechtler dachte ernsthaft daran aufzugeben.
Später berichtete er, wie er in dieser Situation laut zu Gott betete.
Und dann geschah etwas.
Er hatte das Gefühl, als höre er eine innere Stimme:
„Steh auf für die Gerechtigkeit.
Steh auf für die Wahrheit.
Ich werde an deiner Seite sein.“
Und plötzlich wich die Angst.
Die Unsicherheit verschwand.
Neue Kraft erfüllte ihn.
Später fasste jemand diese Erfahrung in den Satz:
„Die Furcht klopfte an die Tür.
Der Glaube antwortete.“
Was für ein starkes Bild.
Viele von uns kennen ähnliche Momente.
Zeiten der Erschöpfung.
Zeiten der Verzweiflung.
Zeiten, in denen wir am liebsten aufgeben möchten.
Manchmal sind es persönliche Krisen.
Manchmal familiäre Belastungen.
Manchmal sind es die Nachrichten, die uns bedrängen.
Die Welt scheint nicht ruhiger zu werden.
Kriege.
Gewalt.
Verunsicherung.
Bedrohungen.
Immer neue Krisen.
Viele Menschen sagen heute:
„Ich schaue gar keine Nachrichten mehr an. Ich halte das nicht mehr aus.“
Vielleicht kennen Sie solche Gedanken.
Vielleicht haben Sie sie selbst schon gehabt.
Die Furcht klopft an die Tür.
Sie erscheint in vielerlei Gestalt.
Als Angst vor der Zukunft.
Als Sorge um die Familie.
Als Krankheit.
Als Unsicherheit.
Als das Gefühl, den Überblick zu verlieren.
Und oft schleicht sich diese Furcht in unser Innerstes.
Sie nimmt Raum ein.
Sie bestimmt unsere Gedanken.
Sie raubt uns Freude und Lebendigkeit.
Genau in diese Situation hinein spricht Paulus:
„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“
Paulus schreibt diese Worte übrigens nicht aus einem bequemen Leben heraus.
Als er den Brief verfasst, sitzt er im Gefängnis.
Auch er lebt in einer schwierigen Situation.
Und trotzdem bezeugt er diese Hoffnung.
Wenn das stimmt, dann muss dieser Heilige Geist etwas Besonderes sein.
Etwas Geheimnisvolles.
Etwas Unsichtbares.
Und gleichzeitig etwas unglaublich Kraftvolles.
Davon haben viele Menschen berichtet.
Einer von ihnen war Charles Spurgeon.
Er gehörte zu den bedeutendsten Predigern des 19. Jahrhunderts.
Zu seinen Gottesdiensten kamen Tausende von Menschen.
Und er schrieb:
„Das Herz kann nur durch den Heiligen Geist gereinigt werden.“
Spurgeon war überzeugt:
Wenn Gottes Geist wirkt, dann verändert sich etwas.
Dann verwandelt sich menschliches Leben.
Dann entsteht neue Hoffnung.
Damit sind wir wieder beim Windsack angekommen.
Windsäcke findet man an Flughäfen.
An Küsten.
Und dort, wo Gleitschirmflieger starten.
Sie zeigen eine wichtige Frage an:
Trägt der Wind?
Oder trägt er nicht?
In unserem Urlaub haben wir immer wieder Gleitschirmflieger beobachtet.
Es fasziniert mich.
Menschen laufen an.
Und plötzlich werden sie von etwas Unsichtbarem getragen.
Sie gleiten durch die Luft.
Leicht.
Frei.
Fast schwerelos.
Dieses Bild erinnert mich an den Heiligen Geist.
Wir kommen mit unseren Sorgen.
Mit unseren Ängsten.
Mit unserem schweren Gepäck.
Und dann trägt uns Gottes Geist.
Nicht weil die Probleme verschwinden.
Sondern weil wir nicht mehr allein sind.
Vor einiger Zeit haben wir allerdings eine andere Erfahrung gemacht.
Am Niederhorn im Berner Oberland beobachteten wir eine junge Gleitschirmfliegerin.
Die Bedingungen waren schlecht.
Kaum Wind.
Kaum Thermik.
Dennoch entschloss sie sich zu starten.
Sie rannte den Hang hinunter.
Der Schirm öffnete sich nur teilweise.
Für einen kurzen Moment hob sie ab.
Dann stürzte sie ab.
Ein Rettungshubschrauber musste kommen.
Was aus ihr geworden ist, wissen wir bis heute nicht.
Aber dieses Erlebnis hat mich tief bewegt.
Warum erzähle ich das?
Nicht um über diese Frau zu urteilen.
Sondern weil ich mich selbst darin erkannt habe.
Wie oft bin ich losgerannt.
Wie oft habe ich Entscheidungen getroffen.
Wie oft habe ich Dinge gewagt.
Ohne vorher nach Gottes Willen zu fragen.
Ohne auf seinen Geist zu hören.
Wie oft habe ich Bruchlandungen erlebt.
Wie oft habe ich mich selbst verletzt.
Oder andere verletzt.
Dabei steht die Zusage Gottes längst fest:
„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“
Der Heilige Geist will uns tragen.
Aber wir sollen ihn auch suchen.
Wir sollen auf ihn hören.
Der beste Startplatz unseres Lebens liegt ganz nahe bei Jesus.
Dort finden wir Orientierung.
Dort finden wir Kraft.
Dort finden wir Halt.
Dort erfahren wir, was es bedeutet, getragen zu sein.
Und wenn wir diesen Startplatz gefunden haben, dürfen wir loslassen.
Dann dürfen wir vertrauen.
Dann dürfen wir glauben, dass Gottes Geist uns trägt.
Gerade dann, wenn wir selbst keine Kraft mehr haben.
Genau davon spricht auch der Prophet Jesaja:
„Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler.“
Was für eine wunderbare Zusage.
Paulus beschreibt die Wirkungen dieses Geistes an anderer Stelle so:
„Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut.“
Das ist die Frucht des Geistes.
Ohne den Heiligen Geist bleibt ein Glaube irgendwann kraftlos.
Mit ihm aber wird Glaube lebendig.
Und schließlich hebt unser Predigttext den Blick noch weiter.
Er richtet ihn auf die Ewigkeit.
Denn Jesus Christus hat nicht nur unsere Ängste überwunden.
Er hat auch den Tod überwunden.
Darum heißt es:
„Jesus Christus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht.“
Das ist die große Hoffnung des Evangeliums.
Unser Leben endet nicht im Nichts.
Es endet nicht in der Hoffnungslosigkeit.
Sondern in der Gemeinschaft mit Gott.
Als Jesus in den Himmel aufgefahren ist, hat er uns nicht alleine gelassen.
Er hat uns den Heiligen Geist gesandt.
Einen Geist, der trägt.
Einen Geist, der tröstet.
Einen Geist, der stärkt.
Einen Geist, der uns durch dieses Leben begleitet.
Und der uns am Ende sogar in Gottes Herrlichkeit hineinträgt.
Amen.